Zurück in Deutschland - ein Interview

 

 
Iris  

Liebe Katja, Dein Abschied von China war sicherlich schwer. Dennoch hast Du Dich bestimmt auch auf Deutschland gefreut. Was hast Du in China vermisst, was Du in Deutschland nun wieder hast?

 

 
Katja  

Erstaunlicherweise fallen mir als erstes ganz kleine Dinge ein, wie zum Beispiel das Mineralwasser MIT Kohlensäure, Käse, Lakritz, Schokolade oder auch Brot. An zweiter Stelle kommt dann das Bedürfnis mal wieder ganz allein sein zu können, einen Raum für mich alleine zu haben und selber zu entscheiden, wann ich was mit anderen zusammen machen will. Natürlich habe ich mich auch gefreut, Familie und Freunde wieder zu sehen, aber ich kann nicht sagen, dass ich sie in China so richtig vermisst habe, denn über Email hatten wir so einen engen Kontakt, dass der Klatsch und Tratsch schneller bei mir in China angekommen ist, als am anderen ende unseres Dorfes :-)

 

 
Iris  

Und was vermisst Du nun am meisten, wo Du wieder in Deutschland bist?

 

 
Katja  

Auch da fallen mir als erstes wieder die Kleinigkeiten ein... und vor allem Kleinigkeiten, von denen ich mir in China so manches Mal gewuenscht hätte, es gäbe sie nicht. So zum Beispiel das ständige "laowei (Ausländer)" was einem auf der Strasse hinerhergerufen wird, einkaufen und die Preise dabei handeln bis zum geht nicht mehr, unseren alten Pförtner, der um 23 Uhr das Studentenwohnheim abschliesst, Taxifahrergespräche über "gute deutsche Autos", den stinkenden Fluss vorm Studentenwohnheim, die Kakerlaken in der Küche, einfach im Restaurant gegenüber für 2 DM so richtig dick essen gehen, überfüllte Busse, um Mitternacht noch 38 Grad, wegen Smog nichts sehen, halt all die Dinge, die "mein" China ausmachen! Und natürlich meine Freunde. Ich habe in dem letzten Jahr so viele liebe Leute kennengelernt, mit denen ich gemeinsam durch dick und dünn gegangen bin. Das war ein sehr, sehr schwerer Abschied, aber auch hier denke ich hat uns Internet u. Email den abschied ein bisschen leichter gemacht und wohin mein nächster Urlaub geht ist auch schon sicher!

 

 
Iris  

Beschreibe eines Deiner schönsten Erlebnisse in China.

 

 
Katja  

Es gibt so viele kleine Erlebnisse. Das sind zwar nicht meine "Schönsten", aber einfach Erlebnisse, die ich nicht wieder vergessen werde. Wie zum Beispiel das erste längere Gespräch in chinesisch, der Ausflug zum Longtanpark im Winter, meine einmalige Freundschaft zu Jason, unsere verrückten Wohnheimparties...

Aber alles in allem waren doch die letzten 2 Monate meine schönsten Monate. Die Reise durch Westchina war einfach super eindrucksvoll und bewegend. Vor allem der Punkt, als ich mit Carol auf dem Gipfel auf über 5.000m stand, wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Es war glaube ich nicht der schönste moment, denn uns taten alle Knochen weh, wir haben keine Luft bekommen, es hat geschneit... aber der eindrucksvollste Moment war es auf jeden Fall!

 

 
Iris  

Beschreibe eine der kompliziertesten Situationen, die Du gemeistert hast.

 

 
Katja  

Vieles ist kompliziert in China, oder eher chaootisch, jedenfalls wenn man es zulässt. Als erstes denke ich da vor allem immer an "Zugtickets kaufen", denn das habe ich mittlerweile nun schon sehr oft gemacht und es hat mich eigentlich immer Nerven gekostet. Aber meistens konnte ich es auch mit 'nem lachenden Auge sehen, denn schliesslich heisst Zugticket kaufen ja auch, es geht in den Urlaub und da hat man doch Zeit!

Kompliziert finde ich auch die Sache mit dem Gesichtsverlust, ich glaube, so ganz wird man das als Ausländer nie verstehen können. Ansonsten denke ich, macht man sich vieles einfach kompliziert, in dem man sich nicht auf China einlässt. Ich habe mich immer bemüht, keine hohen Erwartungen an etwas zu stellen, und mit viel Geduld und Verhandlugskraft and die Sache ranzugehen. Und dann wurden auch so Erlebnisse, wie der Busunfall mitten in der Wüste, der Versicherungskauf in Linxia, oder der "einfache" Versuch meine Hotmail Inbox zu öffnen zu unvergesslichen Erlebnissen, über die ich spätestes am nächsten Tag lachen kann. Typisch China halt...

Oh, eine komplizierte Sache gibt es vielleicht doch: Damenschuhe in Grösse 42 zu kaufen :-)

 

 
Iris  

Wie hat sich Deutschland in Deinen Augen im letzten Jahr verändert?

 

 
Katja  

Ich glaube nicht, dass Deutschland sich in dem letzten Jahr sehr verändert hat, aber ich habe mich verändert und bin daher in ein für mich völlig anderes Deutschland zurückgegekehrt.

 

 
Iris  

Was können Deiner Meinung nach wir deutschen von den Chinesen lernen?

 

 
Katja  

Die Geldmacherei: Doppelte Eintittspreise für Touris, 'ne Chipkarte, mit der man jede Aufzugfahrt bezahlen muss... aber das wäre ja negativ...

Was mich immer wieder beeindruckt hat, ist das Leben der älteren Leute in China. Man sieht sie überall, die Menschen über 70! Sie stellen sich einfach Tische und Stühle auf die Strasse und Spielen ma-jang oder chin. Schach, sie sind in Fächertanzgruppen, oder gehen mit ihren Vögeln im Käfig spazieren. Aber keiner ist alleine!

Und das chinesische Körperbewusstsein finde ich ubernehmenswert, zumindet einen Teil davon. Traditionelle Chineische Medizin, qi gong und tai qi chuan sollten viel mehr in Deutschland angeboten werden. Und zwar nicht so als "Modeerscheinung" wie im Moment, sondern mit Hintergrunderklärungen!

 

 
Iris  

Und umgekehrt - die Chinesen von uns deutschen?

 

 
Katja  

Bei meinem Urlaub in Südchina habe ich ein T-Shirt gekauft, was denke ich eine total passende Aufschrift hat. Ich werde sie hier einfach mal aufschreiben...(allerdings in englisch)

the chinese 10 commandments
1) thou shall not stare at foreigners
2) thou shall charge foreigners the same price as chinese
3) thou shall not yell "hello" or "laowei"
4) thou shall not say "mei you"
5) thou shall allow foreigners into cheap hotels
6) thou shall not spit
7) thou shall not create stupid 11 pm curfews
8) thou shall not abuse foreigners to practise english
9) thou shall line up properly


10) thou shall not hit the person wearing this t-shirt

Diese 9 Regeln sind einfach Dinge, die Ausländern das Leben leichter machen würden in China, auch wenn es keine typisch deutschen Tugenden sind oder so. Aber auf der anderen Seite frage ich mich, ob das nicht gerade die Dinge sind, die das Leben in China so unberechenbar machen, das, was den Reiz an China ausmacht?

 

 
Iris  

Du sprichtst mittlerweile sehr gut chinesisch. Was wirst Du tun, um die Sprache nicht zu verlernen?

 

 
Katja  

Im Moment lese ich Harry Potter Band 2 auf Chinesisch! Ist das genug? Ich habe mich in China mit viel Lesematerial und auch dem nachfolgenden Unterrichtsband eingedeckt und hoffe, dass ich doch selber so viel Ehrgeiz habe, mich daran zu setzen und etwas für mein Chinesisch zu tun! Und mein Besuch in China im Februar ist ja schon geplant!

 

 
Iris  

Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann wieder in China zu leben? Wenn ja - was würdest Du gern dort tun?

 

 
 

Warum nicht??? Ich weiss, dass ich nicht in einem der Ausländer Compounds in Peking leben möchte, aber ansonsten würde ich jederzeit ins Land zurück gehen.

Im Moment habe ich viele Ideen, was ich dort gerne machen würde, aber so wirklich konkret ist da nichts! In den letzten Monaten habe ich mir in China einige Einrichtungen für behinderte Menschen angeschaut. In einem Heim für autistische Menschen gearbeitet, an der Sonderschule für geistig behinderte hospitiert und auch Kontakt zu einem tauben Mädchen gehabt. Dadurch dreht sich im Moment mein Gedanke darum, auch wieder in diesen Bereich zurück zugehen.

Wenn ich jetzt anfange Sonderpädagogik auf Lehramt zu studieren hoffe ich, dass ich meine Examensarbeit über sonderpädagogische Einrichtungen in China schreiben kann und dafür dort dann recherchieren kann!

 

 
Iris  

Die Zeit in China war bestimmt eine lehrreiche Zeit. Was konntest Du für Dich persönlich in China lernen (mal abgesehen von der Sprache)?

 

 
Katja  

Viel!

Ich denke, ich habe 'ne ganze Menge in China für mich mitnehmen können! Vor allen Dingen Geduld... Ich habe gelernt, für viele Dinge kämpfen zu müssen und das das Erreichen des Zieles oftmals auch um einiges länger dauert, als wo anders. (Zugticktes kaufen, Versicherung kaufen...)

Ausserdem habe ich gelernt, mit viel weniger zu leben. Irgendwann gewöhnt man sich an so vieles, wenn es anderes nicht gibt.
-die Waschmachine, die nur kalt wäscht, ist doch völlig in Ordnung
-ok, mal wieder nen Tag ohne Heizung bei minus 20 Grad
-heute nur 3 Kakerlaken in der Küche?
-15 m² wohnraum für 2 Personen, wir haben ein nettes, gemütliches Zimmer ...

Eine ganz wichtige Eigenschaft, die ich aber nur ein Stück weit aus China für mich mitnehmen konnte, ist "Diplomatie". In China zu leben heisst gleichzeitig auch, immer uber das Gesicht bzw. Gesichtsverlust nachzudenken. Dadurch gibt es im chinesischen einfach keine Worte für ja oder nein. Auf die Frage "hast du Lust...??" liegt es dann im Eigenermessen die antwort "vielleicht" zu deuten. Dadurch ist man gezwungen, sich mit den Menschen auseinanderzusetzten, mit dem man sich unterhält, Menschenkenntnis wird hier viel stärker gefragt.

Ausserdem muss man sich selber viel mehr überlegen, wie man jetzt seine Antwort taktisch formuliert ohne dem anderen einen Gesichtsverlust erleiden zu lassen. Ich denke, das hat mich stark gemacht, im Auftreten gegenüber Menschen, mir Verhandlungsgeschick gegeben und ich antowrte nicht mehr so unüberlegt wie früher einmal.

Aber auf der anderen Seite hat mich dieser Zwang des Gesichtsbewahren auch das ein oder andere mal viele Nerven gekostet. Es gab Momente, wo es schwer war, so zu denken und nicht einfach klar meine Meinung sagen zu können. und ich bin toleranter geworden. Ein Jahr lang immer mit irgendwelchen Menschen zusammenzuwohnen heisst, Kompromisse einzugehen, auch mal zurückzustecken, aber auch gemeinsam stark zu sein! Das habe ich von vielen wunderbaren Menschen aus der ganzen Welt gelernt!

 

 
Iris  

Glaubst Du, dass Du Dich in den letzten Monaten verändert hast? Wie hast Du Dich verändert?

 

 
Katja  

Erstmal bin ich selbständiger geworden. Ein Jahr ohne Mama und Papa macht da schon was aus. Dann bin ich anspruchsloser geworden und ich hoffe, dass ich es auch hier schaffe, der deutschen Konsumgesellschaft stand zu halten und NEIN zum sagen!

Ich glaube, es gibt viel mehr Leute um mich rum, die besser sagen können, ob und wie ich mich verändert habe. Denn ich möchte am liebsten einfach nur sagen ICH bin ICH!

 

 
Iris  

Vielen Dank, Katja! Herzlich willkommen zurück in Deutschland!

An dieser Stelle möchte ich mich auch im Namen vieler treuer Leser, die wir in den letzten Monaten gewinnen konnten bei Dir bedanken, dass Du so unermüdlich an diesem Tagebuch geschrieben hast.

Ich wünsche Dir alles Gute für Deinen weiteren Weg - ob nun in China oder sonstwo auf der Welt!